This page is only available in German.
Testbericht

Ganz oben auf der Trichterskala

von Joachim Pfeiffer für HIFI VISION (Testsonderdruck) • 01/93 • Test: Acapella Celestron I

Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann und wo ich diese mächtigen Lautsprecher erstmals zu Gesicht bekam. Aber ich weiß, daß die gigantischen Schallwandler einen ungeheuer nachhaltigen Eindruck auf mich machten. Ja, ich will gar so weit gehen, daß diese Systeme fortan meine Vorstellung des Begriffs HighEnd prägten: Für meine Verhältnisse einfach unbezahlbar und gleich mehrere Schuhnummern zu groß fürs Wohnzimmer. Und, was noch wichtiger ist, mit Klangeigenschaften, die gemeinhin nur Live-Musik vermitteln kann. Zumindest konnten sie das in meiner Phantasie.

Die Geschichte dieser imposanten Lautsprecher aus Duisburg ist ein wichtiges Kapitel deutscher HiFi-Geschichte. Ihre Premiere vor rund einem Dutzend Jahren erlebten sie noch als ATR-Produkt. ATR, das waren damals Hermann Winters, Alfred Rudolph und Peter Mühlmeyer. In den siebziger Jahren bildeten diese drei HiFi-Propheten eine Art Keimzelle für deutsches High End. Um sich herum scharten sie eine Reihe von faszinierten jungen Leuten, die oftmals seriöse Berufe an den Nagel hängten, um fortan ihren Lebensunterhalt mit der Entwicklung hochwertiger HiFi-

Komponenten zu bestreiten. Karl-Heinz Fink zum Beispiel, heute erfolgreicher Chef des Boxen- Bauunternehmens ALR, erzählte mir einmal, daß er früher nahezu seine gesamte Freizeit im Duisburger "Audioforum" verbracht habe. Auf die an Alfred Rudolph gerichtete Frage, ob er sich einen Fertig-Lautsprecher kaufen oder sich lieber selbst ein Boxenpaar zimmern solle, habe der ihm zum Eigenbau geraten. So fing das alles an, erinnert sich Fink. Inzwischen haben sich die Wege der Ruhrpott-HighEnder friedlich getrennt. Mühlmeyer vertreibt unter dem Traditionsnamen ATR erfolgreich eine ansehnliche Produktpalette, Winters und Rudolph betreiben nach wie vor die Entwicklung hochwertiger Lautsprecher. Zurück in die Gegenwart und somit zur Celestron1, die seit einigen Wochen ihr Gastspiel im HIFI VISION- Hörraum gibt. Trotz optischer Gegensätze sind Ähnlichkeiten mit der im Oktober getesten TMR312 nicht zu übersehen.

  1. Zu 1 • Die mit hochwertigen Bauteilen bestückte Freqenzweiche ist in der Standard-Version kupferverkabelt
  2. Zu 2 • Aus dem Vollen gedreht ist das Horn des lonenhochtöners der Acapella Audio Arts Celestron 1
  3. Zu 3 • Die besten Bauteile sind gerade gut genug für die Verstärkerelektronik des lonenhochföners
  4. Zu 4 • Der komplexe Innenaufbau des lonenhochtöners

So setzen auch die Duisburger auf Modulbau. Im Untergeschoß der imposanten, schweren Kiste verrichtet ein ausgewachsener, mit konventionellen Chassis bestückter Lautsprecher seinen Dienst. Auf dessen Tieftonkünste bleibt auch die mit Mitteltonhorn und lonenhochtöner aufgepäppelte Gesamt-Celestron1 angewiesen. Die Standardtreiber für den Mittel- und Hochtonbereich lassen sich via Kippschalter stummschalten, sobald ihr Besitzer entsprechend seiner Finanzlage die Nobel-Aufstockung vorgenommen hat. Immerhin schlagen allein die ungemein aufwendig produzierten lonenhochtöner mit zirka 9000 Mark zu Buche. Der zweite praxisgerechte Vorteil ist, daß im Servicefall nicht gleich das komplette System in die Werkstatt geschickt werden muß, obendrein der Betreiber auf kleinerer akustischer Flamme weiter Musik genießen kann.

Genug der Vorrede, kommen wir zur Sache - dem Hörtest. In den vergangenen Wochen haben sich meine Kollegen und ich sehr ausgiebig mit der Celestron1 befassen können. lonenhochtöner, so mein persönliches Fazit aus dem Test der TMR 312, machen süchtig. Die durchaus ernst gemeinte Aussage wird dank der Erfahrungen mit der Celestron1 endgültig zur festen Gewißheit. Vorausgesetzt, Quellen und Verstärker gehören zu Besten, das unter dem Etikett HiFi angeboten wird. Dann verblüfft die Celestron1 mit einer sagenhaften Auflösung, die Maßstäbe setzt. Hervorragend gelungen sind auch Abstimmung und Anpassung von Mitteltonhorn und 30-Zentimeter-Baßchassis. Insgesamt besticht die Acapella mit einer selten so vernommenen Homogenität. Die Befürchtung, das Horn könne womöglich zum "Tröten" neigen und Stimmen einen leicht nasalen Touch verleihen, erwies sich als völlig unbegründet. Im Gegenteil. Deren Darstellung war so realistisch, daß Jose Carerras' "Misa Criolla" (Philips) schier zum Greifen nah im Hörraum stand. Um ihn herum gruppierte sich der Chor, dessen Mitglieder aufgrund der überaus präzisen Ortungsschärfe bestens auszumachen waren. Mit einer Aufzählung dieser überragenden Qualitäten alleine kann indes die Celestron1 nicht gewürdigt werden.

Zur Sache – Joachim Pfeiffer

Lautsprecher, deren Anschaffung ernste Gespräche mit dem Kreditbearbeiter eines Geldinstitutes erfordern, sind, zugegeben, nicht jedermanns Sache. Und viele Leser werden sagen oder gar schimpfen: Warum testet HIFI VISION unerreichbare HighEnd-Träume, die ohnehin nur eine äußerst kleine, gutsituierte Minderheit erwerben kann. Richtig. Richtig ist aber auch, daß selbst gestandene HiFi-Redakteure noch Glanz in den Augen bekommen, wenn ihnen Faszinations-Objekte vom Kaliber Celestron1 präsentiert werden. Wenn in Ihrer Nähe diese Glanzlichter einmal vorgeführt werden - gehen Sie hin, lassen auch Sie sich faszinieren. Es lohnt sich.

Noch entscheidender ist, daß gerade dieser Lautsprecher Emotionen zu wecken vermag. Dieses seltene Erlebnis, mit geschlossenen Augen auch den komplexesten Musikpassagen mühelos und wie selbstverständlich folgen zu können ... als wäre es wirklich live. Im Laufe der langen Hörsitzungen, während derer wir die Acapella im Zusammenspiel mit diversen End- und Vorverstärkern kennenlernten, zeichnete sich ab, daß die Celestron minimale Klangunterschiede auch zwischen gleichklassigen und preisgleichen Komponenten geradezu wie mit dem Storchschnabel vergrößert, ja, mit dieser Eigenschaft gar andere Schallwandler von Rang und Namen leicht distanzieren kann. Das ist Grund genug, künftig der Celestron1 ein Engagement als Dauer-Referenz in Hannover zu verschaffen. Mit ihrer Hilfe wird es uns einfach leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und zugegeben: Mir macht es eine ungeheure Freude, so oft und so lange ich will meinen HighEnd-Traum hören und genießen zu können.

Datenbank

Der von Acapella in Eigenregie hergestellte lonenhochtöner unterscheidet sich konstruktiv wesentlich von seinem Urmuster, das Otto Braun in Saarbrücken fertigt. Aufwand und Materialeinsatz rechtfertigen den Preis, der deutlich über dem der Corona-Systeme liegt. Gelungen ist die Abstimmung der unterschiedlichen Systeme, das belegt der Frequenzschrieb eindeutig. Die leichte Senke im Präsenzbereich zwischen drei und acht Kilohertz war im Hörtest nicht nachzuvollziehen. Das mit MLSSA ermittelte Zerfallspektrum verdeutlicht, daß die Celestron1 ein nahezu mustergültiges Ausschwingverhalten über den gesamten Frequenzbereich aufweist. Mit einem Wirkungsgrad von über 88 dB eignet sich der Schallwandler auch für Verstärker mit geringerer Leistung. Erwartungsgemäß steigt der Klirr mit zunehmender Frequenz an. Hierfür zeichnet der lonenhochtöner verantwortlich. Im Hörtest hat sich das erst bei sehr hohen Pegeln bemerkbar gemacht. Für den Praxisbetrieb spielt es sicher keine Rolle, zumal der lonenhochtöner dem Musiksignal vornehmlich Verzerrungen zweiter Ordnung zufügt. Im Gegensatz zu Oberwellen dritter Ordnung, auf die unsere Ohren sehr gereizt reagieren, wird der sogenannte K2 eher als angenehm empfunden.

Cookies make it easier for us to provide you with our services. With the usage of our services you permit us to use cookies.