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Testbericht

Hören im Verhältnis 1:1

von Joachim Pfeifer für STEREO • 02/94 • Test: Acapella Campanile

Wer hätte das gedacht! Seit sich ein gewisses Paar Lautsprecher in Unserem Hörraum befindet, ist dieser ständig bevölkert. Nicht nur, daß die Kollegen Redakteure immer wieder andere CDs neu entdecken wollen, nicht nur, daß sich auch die Mannschaft aus dem Meßlabor auffallend oft zu "informativen" Hörsitzungen einfindet, nein selbst weniger HiFi-infizierte Verlags-Kollegen haben inzwischen Wind davon bekommen, daß es im STEREO-Hörraum neuerdings eine echte Klangoffenbarung zu bewundern gibt. Die Rede ist von Acapellas "Campanile", einer hochkarätigen Standbox, die durch Säulenform und 2,40 Meter Höhe durchaus an einen italienischen Glockenturm erinnert. Meine persönlichen Assoziationen gehen dabei noch weiter gen Süden, nämlich zu arabischen Minaretten, die ja zur weiten Verbreitung der Glaubensbotschaften mit Schalltrichtern ausgerüstet sind.

Doch damit ist die Verwandtschaft auch schon beendet, denn mehr als das Prinzip haben die arabischen Blechtröten mit dem extrem aufwendig gefertigten Mitteltonhorn der Campanile nicht gemein. Muß ja auch so sein, da sonst wohl kaum jemand 56000 Mark für ein einziges Paar Boxen bezahlen würde. Der Test stammt von Joachim Pfeiffer, berichten werden wir Ihnen über die Campanile aber sicher noch öfter, denn sie soll uns bis auf weiteres als Arbeitsgerät zur Verfügung stehen. Und das ermöglicht uns Redakteure nicht nur mehr Spaß bei den Hörtests, sondern verhilft Ihnen, liebe Leser, auch zu differenzierten Ergebnissen.

Übrigens: Wenn sie Joachim Pfeiffer einmal anrufen wollen, dann lassen Sie sich am besten gleich zum Hörraum durchstellen.

Hören im Verhältnis 1:1

Sie sind Autoliebhaber? Und träumen womöglich davon, einmal in Ihrem Leben einen Ferrari zu fahren oder gar zu besitzen? Leider steht dieser ultimative Spaß in einem geradezu fatalen Zusammenhang mit einem prall gefüllten Bankkonto. Was dazu führt, daß diese Autos vornehmlich in Vitrinen zu finden sind.

Und zwar im Maßstab 1:43. Auch die Campanile ist kein x-beliebiger Lautsprecher, sondern gehört in der HiFi-Szene in die "Ferrari-Kategorie". Sie wurde geschaffen, um Musik so abzubilden, wie es immer sein sollte: Im Maßstab 1:1.Allein der Aufwand, den das Duisburger HiFi-Traditionsunternehmen Acapella trieb, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, kann sich sehen lassen. Beispielsweise mit den Ionenhochtönern, die Acapella selbst fertigt. Nun sind Ionenhochtöner an sich nichts Neues. Die Telefunken-Erfindung datiert immerhin aus den zwanziger Jahren. Aber in der HiFi-Welt konnten sich die aufwendigen Wandler, die mittels eines Lichtbogens Luft ionisieren und somit ohne bewegte Masse Schall erzeugen, nicht durchsetzen. Nur Acapella und Otto Braun aus Saarbrücken halten an dem Prinzip fest, wenn auch der Braunsche Coronatreiber schlicht einfacher gestrickt ist.

Die Duisburger verstärken das Eingangssignal über eine eingebaute Class-A-Treiberstufe, deren Bestückung wahrhaft vom Feinsten ist. Aus bestem HF-Material sind beispielsweise die Platinen. Sie stammen von der Renommierfirma Hartmann und Braun und werden dort in der alten Meßgerätefertigung produziert. Daß dies seinen Preis hat, darf - wie gesagt - niemand verwundern.

Da der Wirkungsgrad des Lichtbogenwandlers eher dürftig ist, muß ihm zur Verstärkung ein Horn verpaßt werden. Acapella gönnt dem TW 1 S eins aus purer Bronze - aus dem Vollen gedreht, versteht sich. Nun rümpfen viele HiFi-Enthusiasten beim Stichwort Ionenhochtöner dennoch die Nasen. Besser könne man Frequenzen oberhalb von fünf Kilohertz zwar nicht abstrahlen, bestätigen sie, aber das austretende Ozon störe doch gewaltig. Richtig und unumstritten ist, daß das Gas bei Erzeugung des Lichtbogens freigesetzt wird. Im Fall des ION TW I S erfüllt allerdings ein Keramikröhrchen unmittelbar vor dem Bronzehorn die Funktion eines Katalysators. Es verhindert absolut zuverlässig den Austritt des umweltschädigenden Stoffes.

Von den Höhen zu den Mitten und weiter mit Faszination pur. Ähnlich dem Ionenhochtöner, der ja überhaupt keine Masse in Bewegung zu setzen hat, erfüllt das asphärische Mitteltonhorn eine vergleichbare Aufgabe. Hinter dem sitzt zwar ein herkömmliches 54er Dynaudiochassis, das Horn verstärkt allerdings dessen Schallausbeute um stattliche zehn dB. Und das bei gleichbleibender Membranfläche. Schwierig? Auf den ersten Blick sicher nicht, in der Praxis aber gehörig. Das Horn muß exakt berechnet werden, sonst drohen typische Verfärbungen. Die kennen Sie auch aus dem Alltag. Wenn Sie, um sich Gehör zu verschaffen, Ihre beiden Hände zu einem Trichter formen, an den Mund legen und rufen. Sie werden lauter, aber Ihre Stimme verfärbt nasal.

Das sogenannte Kugelwellenhorn aus resonanzarmem Glasfaserkunststoff von Acapella klingt keineswegs verschnupft. Es wurde so geformt, daß das Horn "abbricht", wenn der Schall die Form einer Halbkugel oder Kalotte erreicht. Apropos geformt: Natürlich von Hand moduliert, immer wieder geschliffen und poliert - eine überaus zeitaufwendige Arbeit, die ...sie wissen es ja...ihren Preis haben muß.

Konventionelle Chassis finden sich ausschließlich unterhalb von 600 Kilohertz. Je vier 26-Zentimetertreiber, die Seas für Acapella fertigt, werkeln in jeweils eigenen, geschlossenen Gehäusen. Weshalb diese Ansammlung? Zwei triftige Gründe sind zu nennen. Da einzig der Tiefonbereich ohne verstärkendes Horn auskommen muß, braucht es gehörig Membranfläche, um entsprechend Schalldruck zu erzeugen. Und: Die Anordnung in geschlossenen Kammern, unter- und oberhalb der Mittelhochtonhörner, nimmt den Abhörraum akustisch bestens in den Griff. Lästige Raumresonanzen in den Tiefen werden so geschickt überlagert, daß sie praktisch bedeutungslos werden.

Vor dem Hörtest noch einige Worte zu den Messungen. Wie erwartet, gab sich die Campanile keine Blößen. Der Frequenzgang ist mustergültig, die Anpassung der Systeme ist den Duisburgern hervorragend gelungen. Als einziges Haar in der Suppe könnte das Impedanzminimum von 3,1 Ohm bei 7600 Hertz stören. Aber Verstärker, die in diesem Bereich schlapp machen, finden sich sowie nur in Antiquitätenläden oder - wollen wir nicht ausschließen - in Billigsttürmchen, die sowieso nichts mit HiFi zu tun haben.

Was ist das Faszinierende dieses außergewöhnlichen Lautsprechers? Wer über die Campanile Musik hört, glaubt sich tatsächlich in einer Konzerthalle. Er wird nicht für möglich halten, daß HiFi so nahe am Original sein kann. Mit der Campanile steht eine HiFi-Komponente auf dem Prüfstand, die dazu zwingt, sich über HiFi oder High-End grundsätzliche Gedanken zu machen. Die Kernfrage ist doch, wohin sich die High Fidelity entwickelt. Es verfälscht das Bild und die Aufgabe von HiFi, wenn immer mehr datenreduzierte Aufnahmemedien allein die Richtung bestimmen. Hören Sie sich mal MD oder DCC über die Campanile an. Natürlich erkennen Sie die Musik. Aber wo sind Körper, Raum und Natürlichkeit? Wie arm ist HiFi eigentlich geworden, wo bleiben Spannung und Enthusiasmus?

Die Campanile ist eine akustische Lupe, die Klangbilder absolut naturgetreu wiedergibt. Und das ist nicht immer angenehm. Und zwar deshalb, weil schlechte Verstärker darüber auch wie schlechte Verstärker klingen. Mit Leistung hat das nur wenig zu tun. Wir ersuchten kleinste aber gute Endstufen, deren Wattausbeute knapp über der Meßtoleranz liegt. Höre und staune: Die wirkungsgradstarke und unkritische Campanile musiziert mit den Wattzwergen livehaftig gut. Kraftvolle Verstärker, die dynamische Ungereimtheiten aufweisen, an den Rändern ausfransen und es in punkto Stimmabbildung nicht allzu genau nehmen, geben indes eine klägliche Vorstellung über diesen ultimativen Schallwandler ab.

Die allzu oft vernommene Unwahrheit, CD-Spieler klingen alle gleich, wird mit der Campanile sowieso ad absurdum geführt. Nur wenn sich die Kette das Etikett HiFi redlich verdient hat, musizierten die Campanile überragend. Das Klangbild baut sich aus der Tiefe auf, gezupfte oder gestrichene Bässe haben Kontour, sind einfach authentisch. Stimmen und Instrumente zeichnet der Wandler mit einer Präzision und Natürlichkeit nach, die ihresgleichen sucht. Die Ausleuchtung der imaginären Bühne und die glaubwürdige Darstellung feinster Details werden absolut zwingend reproduziert. Und das nicht nur mit kleinen Ensembles, die Campanile vermag ganze Orchester in den Hörraum zu zwingen.

Campanile - das Maß der Dinge bei STEREO-Hörtests

Wer die Augen schließt, wird nicht für möglich halten, einer HiFi-Anlage zu lauschen. Er unterliegt der Illusion, die Musiker hätten sich vor ihm aufgebaut. Ein Phänomen, das selbst mit geringen Pegeln erhalten bleibt. Greifen wir ein Hörbeispiel heraus. Im CD-Spieler Wadia 6 rotierte das Köln-Konzert mit Keith Jarrett. Eine Aufnahme, die jeder STEREO-Redakteur seit Jahren gut kennt und schätzt.

Jarrett bearbeitet bei dieser Einspielung nicht nur meisterhaft den Flügel, er stampft mit den Füssen und gibt fauchende Laute von sich. Diese "Geräusche" können Sie auch mit mittelmäßigem HiFi orten. Aber da haben sie keinen Bezug mehr zueinander, die innere Ordnung ist ge- oder gar zerstört. Mit der Campanile bleibt genau die erhalten. Was beim Hören der Scheibe ebenfalls weitgehend verborgen blieb, ist die Reaktion des Publikums.

Über den Lautsprecher zeigt sich plötzlich, daß es bei diesem Mitschnitt nicht stumm auf den Stühlen saß, sondern der Musik folgte, sich emotional beteiligte und so wiederum Jarrett motivierte.

Kommen wir noch einmal zu den Schattenseiten des Lautsprechers, die eigentlich seine Stärken ausmachen. Was für miese Elektronik gilt, hat für schlampig produzierte Software erst recht Gültigkeit. Schallwandler mit eingeschränktem Auflösungsvermögen werden lieblos zusammengemischte Musik noch halbwegs erträglich wiedergeben, die Campanile ist in diesem Punkt eine unversöhnliche Diva. Sprich: Sie entlarvt gnadenlos Schludrigkeiten von Toningenieuren und Tonmeistern, die aus Zeit- und Kostengründen oder weil sie einfach nicht die Qualifikation besitzen, für schlechte CDs und Langspielplatten verantwortlich zeichnen.

Fazit: STEREO hat bislang darauf verzichtet, Referenzgeräte zu küren, die einige Monate darauf wiederum von anderen Highlights vom Thron gestoßen werden. Diese Dramaturgie überlassen wir anderen. Wenn wir uns dennoch dazu entschlossen haben, der Acapella Campanile den Status eines Arbeitsgerätes zu verleihen, hat das einleuchtende Gründe. Mit diesem Schallwandler fällt es uns noch leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen. Was natürlich nicht bedeutet, daß wir nur noch die Campanile einsetzen. Selbstverständlich werden wir günstige Elektronik ebenfalls mit preisangemessenen Lautsprechern bewerten. Nur, wenn wir wirklich wissen wollen, wo eine Komponente absolut steht, greifen wir zu Campanile. Davon profitieren Sie schließlich. Und wir natürlich auch. Denn zum Musik hören kennen wir nichts Besseres.

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