Testbericht

Spiel ohne Grenzen

von Joachim Pfeiffer für AUDIO • 1/99 • Test: Acapella Sphäron Excalibur

Wo HiFi teuer wird, spricht man von High End. Dort, wo High End so exklusiv wird, daß es eine Serienproduktion nicht mehr zuläßt, plazieren die Spezialisten von Audio Note und Acapella ihre Traumobjekte. AUDIO schmiedete die Kultgeräte zu einer Kette – zu einer Formation ohne Limits.

Nach der "teuersten Anlage der Welt", die AUDIO vor exakt zwei Jahren präsentierte, nach dem harten Vergleichskampf der feinsten Komponenten aus Europa und den USA im Januar 1998 stellt die Redaktion nun die spektakulärste Kette aller Zeiten vor. Wie klingt die mit Abstand teuerste Vor/Endkombi, bestehend aus Audio Note "M 10 Phono" und Röhrenmonos "Gakuon", im Wechselspiel mit dem gewichtigsten Horn-Schallwandler überhaupt, der Acapella "Sphäron Excalibur"? 

Um die Frage schlüssig zu beantworten, durften nur die weltbesten Komponenten diese Kette vervollstandigen. Dazu zählt gewiß die Traumkombination aus CD-Laufwerk Burmester 969 in Verbund mit dem D/A-Wandler 970 aus gleichem Hause. Dazu möchte auch der bislang noch namenlose, neue Super-Plattenspieler von Transrotor gehören, den AUDIO als Prototyp kennenlernen konnte. Und dazu zählen die Reinsilberverbinder von Audio Note. Start frei für das größte Klangabenteuer der High-Fidelity.

  1. Zu 1 • Gewaltig: Das mehr als einen Meter duchmessende Mitteltieftonhorn dominiert die Erscheinung der "Sphäron Excalibur". Noch auf 60 Zentimeter bringt es der Mittelton-Trichter, der Messing-Hornvorsatz für den lonenhochtöner auf 15 Zentimeter.
  2. Zu 2 • Markenzeichen: Den für die Abstrahlung höherer Frequenzen zuständigen lonenhochtöner baut Acapella selbst. Der mit einem "Keramik-Katalysator" versehene Treiber hinterläßt indes keine nach Ozon müffelnde "Duftmarke".
  3. Zu 3 • Aktiv, wenigstens teilaktiv? Zwar muten die Bauteile der Frequenzweiche wie Zutaten für eine monströse Endstufe an, doch die"Excalibur" schuftet allein im Passivbetrieb. Und das sehr effizient. Um einen Pegel von 100dB in einem Abstand von drei Metern zu erzielen, ist gerade einmal ein Watt pro Kanal vonnöten.

Nach oben offen auf der Trichterskala

Die Offerte für kompromißlose Horn-Freaks: Die "Sphäron Excalibur" von Acapella sprengt alle Maßstäbe.

Auf die Kunst, wirklich riesige Lautsprecher zu bauen, versteht sich in Deutschland strenggenomrnen nur einer; Alfred Rudolph, der kreative, niemals ruhende Geist von Acapella. Was den Zweimetermann antreibt, immer gewagtere, immer größere Skulpturen zu schaffen, ist eine Vision. Er scheint besessen von der Idee, Bühnen zu zimmern, die im Maßstab eins zu eins Klangereignisse abbilden können – ohne Kompromisse. Mit dem Lautsprecher "Sphäron Excalibur" (als Startset um 320000 Mark) formulierte er sein jüngstes – und überzeugendstes – Statement. Die "Excalibur" gehört der Spezies der Horn-Wandler an. Auf drei Wegen von insgesamt vier bündelt und verstärkt ein Trichter den Schall der Chassis, lediglich die fürs Tiefenfundament sorgenden Baßmodule, die links und rechts neben den Horn-Schöpfungen zu plazieren sind, werden klassisch mit je vier 38er Treibern bestückt; sie funktionieren ohne Horn-Unterstützung, folglich handelt es sich bei der "Sphäron Excalibur" um ein Hybrid-System.

Um es vorwegzunehmen: Sie ist das beste Hybrid-System, vor dem ich je gesessen habe. Drei Meter und 30 Zentimeter, der von Rudolph errechnete Mindestabstand, trennten mich von der "Excalibur". Die Elektronik von Audio Note durfte sich drei lange Tage und Nächte vorab warmspielen, Rudolph ging zu einem gewaltigen Analoglaufwerk, senkte den filigranen Tonarm Breuer "Dynamic" übers rotierende Vinyl ab, und der Kaiser unter den Tonabnehmern, das legendäre Clearaudio "Insider Gold", nahm Kontakt mit der Rille auf. Zunächst hörte ich fast nichts; kaum Knistern, nur ein zarter Hauch Rauschen drang an meine Ohren. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich definitiv nicht, ob der Preamp Audio Note M 10 auf gemäßigte Pegel programmiert wurde oder auf Rechtsanschlag stand. Rudolph setzte sich neben mich, schloß die Augen, meine starrten in Richtung der "Excalibur".

Was nun passierte, schaffen nur Ausnahmekomponenten in Ausnahmeketten. Klassische Musik erfüllte den Raum. Unzweifelhaft lauschte ich einer Aufnahme aus den frühen 60er Jahren, heute würde kein Dirigent mehr Streicher so süßlich sirren lassen. Dann, überaus präzise im Fokus, baute sich ein zusätzlicher, kleinerer Raum inmitten des Gesamtgeschehens vor mir auf. Schließlich vernahm ich einen der besten Tenöre überhaupt, Fritz Wunderlich. Oh nein, so nah war ich der Stimme des 1966 verstorbenen Maestro noch nie gekommen. Auch ich lege bisweilen Platten Wunderlichs im heimischen Hörraum auf, aber verglichen mit Aufnahmen dieser Tage gelingt es mir nie, den großen Künstler akustisch wieder auferstehen zu lassen. Anders diese Kette. Und ich schloß ebenfalls meine Augen, um die Musik intensiver genießen zu können.

Was mich an dieser Konfiguration ganz besonders faszinierte, war das Fehlen des Empfindens von Lautstärke. Selbst in exzellenten Ketten nehme ich wahr, ob der Pegelsteller einer Vorstufe auf acht, neun oder zwölf steht, ob die nachgeordnete Elektronik im unteren oder im oberen Leistungsbereich arbeitet. Diese HiFi- typische Unart konnte ich hier nicht einmal in Ansätzen entdecken.

Es sei nicht verschwiegen, daß ein derart auf Höchstleistung getrimmtes Ensemble eine ganz schmale Spitze darstellt: Die Abbildung von Software, ob Vinyl oder CD, gerät erschreckend aus der Balance, wenn Quelle oder Elektronik minimale Schwächen aufweisen. Die Acapella schien nichts zu tolerieren, sie legte kleinste Ungereimtheiten schonungslos bloß.

Zwar stand mir bei den Hörsessions kein preisgünstiger CD-Spieler zur Verfügung, dennoch bin ich mir sicher, daß die meisten Player und selbstredend viele analoge Plattenspieler nicht das Potential besitzen, das Cinemascope-Format zwischen, vor und hinter diesen Lautsprechern auch nur annähernd zu füllen. So wie es stets schaurig ausschaut, wenn ein zeilenzerfurchtes Fernsehbild auf eine Kinoleinwand geworfen wird.

Und sprudelt die Quelle digital, fällt mir aktuell nichts besseres ein, als dieses Ketten-Kunstwerk mit dem majestätischen CD-Laufwerk/Wandler-Gespann Burmester 969/970 zu krönen. Den gewiß in jeder Konfiguration auszumachenden Unterschied, ob die beiden Berliner Boliden mit oder ohne Clock-Link-Verbindung aufwarten, kann eine "Excalibur" mit unnachgiebiger Härte vermitteln. So kraß, daß man meinen könnte, ohne die Zusatzstrippe sei das Traumduo womöglich defekt.

Es kommt hinzu, daß nicht nur das Wechselspiel aller miteinander verbandelter Bausteine ins Gewicht fällt. Auch die Aufstellung des insgesamt 2560 Kilo wiegenden Lautsprechersystems erfordert gehörig Platz und Zeit. In Räumen unter 60 Quadratmetern dürfte die Rudolph-Vision nur mit gebremster Autorität aufspielen, in Sälen jenseits von 100 Quadratmetern fühlt sie sich erst in ihrem Element - und hier ist sie auch den Preis wert, den die Duisburger Manufaktur berechnet. Rudolph, der mittlerweile die Augen wieder geöffnet hat, schwärmt von einer Vorführung, die er in einer Stätte von rund 1000 Quadratmetern zelebriert hat. Das nehme ich ihm ab.

Fazit

Joachim Pfeiffer erklomm den Gipfel in der Welt der High Fidelity.

Bisweilen haben Leser ein Problem damit, wenn meine Kollegen oder gerade ich ins Schwärmen geraten und Superlativ an Superlativ reihen. Hier blieb mir keine andere  Wahl. Die Formation aus den edlen Bausteinen von Audio Note, Burmester und Acapella überwältigte rnich. So glaubwürdig nah, so lebensecht habe ich selten zuvor Musik vernommen. Vielleicht war das Erlebte mit der Performance einer Wilson Audio WAMM zu vergleichen – die kostet immerhin um 400000 Mark(meine Erfahrungen mit diesem Super-Lautsprecher können Sie nachlesen in AUDIOphile, unserem neuen High-End-Magazin, das seit dem 4. Dezember erhältlich ist). Spielt die hier beschriebene Kette besser als alle anderen auf der Welt? Diese Frage ist abschließend nur sehr schwer zu beantworten. Kombinationen um gro8e Schallwandler sind immer eine Art Kunstwerk, eigenständig und unverwechselbar. Sie werden nicht einfach aufgestellt, sie werden vielmehr komponiert und mit feinsten Zutaten abgestimmt. Auf diese hohe Kunst verstehen sich rund um den Erdball nur ein paar wenige. David A. Wilson zählt dazu und mit Sicherheit auch Alfred Rudolph. Mein persönliches Fazit lautet: Geben Sie diesen Künstlern den notwendigen Raum und viel, viel Zeit. Beurteilen Sie keines der wahrhaft großen Lautsprechersysteme auf einem Messestand – Sie hören dort stets nur Kompromisse, schütteln den Kopf und wenden sich lieber einer Vorführung mit Geräten zu, die preislich und in ihren Abmessungen überschaubar bleiben. Schade, vom High-End-Bazillus infizierte Audiophile sollten von Zeit zu Zeit ihre Sinne schärfen und perfekt abgestimmte Anlagen dieses Kalibers genießen können. So wie der Gang in ein Drei-Sterne-Restaurant die Geschmacksnerven schult. Derart sensibilisiert, gelingen zu Hause auch einfachere Gerichte besser.


Der Gesamtbericht in AUDIO 1/99 umfaßt auch folgende drei Testseiten:

Die Offenbarung • Wer in den Genuß kam, sie zu hören, ist um eine unvergeßliche Erfahrung reicher. Die Monos Audio Note "Gakuon" reklamieren die klangliche Spitze für sich.

Das Präzisionswunder • Die Vorstufe Audio Note "M 10 Phono" erreicht mit ungewöhnlichen technischen Lösungen Erstaunliches: Musik aus der Konserve klingt absolut wie "live". 

Der digitale Superlativ • Das derzeit beste CD-Laufwerk/Wandler-Gespann kommt aus Berlin. Mit dem Traumpaar 969/970 gelang Dieter Burmester der weltweite Durchbruch. Zu Recht.

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