Reportage

Acapella Audio Arts

Dirk Sommer, Helmut Baumgartner für Hifistatement • 04/16 • Test: Acapella Audio Arts

Für jeden, der sich ernsthaft mit High End beschäftigt, ist es eine Binsenweisheit, dass auch die beste Anlage nicht an den Live-Eindruck heranreicht. Diese vermeintliche Tatsache lässt sich – nein, nicht prinzipiell widerlegen – aber zumindest schwer erschüttern und zwar bei einem Besuch im Audio Forum in Duisburg, dem Showroom von Acapella Audio Arts.

Wie üblich geht es auch diesmal nicht mit der Klangbeschreibung los, da müssen Sie sich schon ein wenig gedulden. Beginnen wir mit dem Audio Forum und seinen beiden Gründern: Hermann Winters und Alfred Rudolph lernten sich 1972 – natürlich über das Thema Hifi und Musik – kennen. Hermann Winters betrieb schon seit seiner Schulzeit die Firma Hifi-Elektroakustik und Alfred Rudolph das Unternehmen ARAkustik. Ihr gemeinsames Hifi-Studio, das Audio Forum, eröffneten die beiden am 4. September 1976. Der dazu nötige Gewerbeschein trägt zwar ein noch früheres Datum, als Gründungstermin der Firma sehen die beiden aber die Öffnung der Räume in der Koloniestraße 203 in Duisburg. Der erste Raum, den man von der Straße kommend betritt, war recht klein und akustisch nicht unbedingt ideal. In den links der Tür stehenden Regalen war eine für damalige Verhältnisse eher überschaubare Anzahl sorgfältig ausgesuchter Komponenten aller Preisklasse ausgestellt. Ihnen gegenüber spielten dann die Kreationen Alfred Rudolphs, angefangen von dem kompakten, noch halbwegs erschwinglichen ATR Monitor bis zu den Traumlautsprechern mit dem sphärischen Mitteltonhorn und dem außergewöhnlichen Ionenhochtöner. Auch einige Fremdfabrikate standen zum Vergleich bereit. Hier war Single-Speaker-Demonstration allein aus Platzgründen kein Thema.

Rechts und links die Firmengründer Hermann Winters und Alfred Rudolph. In der Mitte: Richard Rudolph, der schon seit zehn Jahren bei Acapella aktiv ist, seinen Vater bei der Entwicklung unterstützt und mit seinem Bruder Robert die Firma weiterführen wird

Übrigens liegen meiner Schilderung weder plastische Beschreibungen der Firmengründer noch fast 40 Jahre alte Fotos zugrunde: Ich schreibe aus eigener Erfahrung. Als ich von einer beruflichen Beschäftigung mit Hifi nicht einmal träumte, sondern an der Ruhr-Uni Bochum brav Deutsch, Latein und Pädagogik studierte, pilgerte ich regelmäßig ins Audio Forum, das ich zwar nicht gleich nach seiner Eröffnung entdeckte, sondern erst im Jahr 1978 oder 1979. Der Grund für die erste Fahrt nach Duisburg war ein, wie man inzwischen mit Fug und Recht sagen darf, audiophiler Klassiker: Esther Ofarims Soloalbum Esther als „ATR-MASTERCUT RECORDING“. Hermann Winters erinnert sich, mit einem Kombi voller feinsten Hifi-Equipments ins Kölner EMI-Studio gefahren zu sein, um die Überspielung zu kontrollieren. Dort wäre die Ausstattung aber so gut gewesen, dass er sein Equipment getrost im Auto lassen konnte. Die legendäre Wiederveröffentlichung kommentiert er heute lakonisch: „Bei der ersten Esther hatte ich etwas übertrieben. Wir haben mit einem Spitzenpegel von plus sieben Dezibel geschnitten.“ Dass aus dieser leichten Übertreibung einer der größten Marketing-Coups in der High-End-Geschichte wurde, liegt vor allem an dem auf dem Cover aufgedruckten Satz: „Daß ATR-MASTERCUT RECORDINGS verzerrungsfrei abtastbar sind, kann nach Absprache im ATR-Referenzstudio demonstriert werden“

Das Audio Forum in der Koloniestaße 203 ist seit nun bald 40 Jahren eine der ersten Hifi-Adressen in Deutschland. Auch den Autor zog es immer wieder nach Duisburg

Natürlich verkrafte auch mein Thorens TD160 mit einem Audio Techica AT20SLA die riesige Rillenauslenkung nicht und ich fand mich bald darauf im ATR-Referenzstudio alias Audio Forum wieder. Es begann ganz harmlos mit der Montage eines Mayware Formula IV auf besagtem Thorens. Aber dann geriet ich unaufhaltsam in den Sog des ausgeklügelten Audio-Forum-Konzeptes: Alfred Rudolph und Hermann Winters hatten klare Vorstellungen davon, wie eine sehr hochwertige Kette zu klingen hatte, und für die Kunden, der dieses Klangideal teilten, einen mehrstufigen Weg zum Gipfel vorbereitet. Man begann beispielsweise mit einem guten Vollverstärker und, wenn man sich von dieser Investition erholt hatte, gab man diesen ohne allzu große finanzielle Einbußen in Zahlung, um eine möglichst ebenfalls zuvor in Zahlung gegebene Vor-/Endstufen-Kombination günstig zu erwerben. Mit Plattenspielern und Lautsprechern ging es nicht anders: Ohne große Verluste zu machen, konnte man sich in kleinen Schritten über die Jahre seiner Traumanlage nähern – natürlich nur solange, wie man im Kosmos des Audio Forums blieb. Dafür wurde man bestens beraten und bekam auch Unterstützung, wenn man gerade keine Unsummen ausgeben konnte.

Zwischen den Basso Nobile mit dem hellblauen Hörnern stehen die Komponenten, mit denen wir gehört haben: The Beast, der LaMusika-Vollverstärker, Alfred Rudolphs großes Laufwerk inklusive dazugehörigem Unterbau und eine Master-Maschine

Beispiel gefällig? Nachdem ich unter größter finanzieller Anstrengung meinen fetten Onkyo-Vollverstärker gegen eine Audiolabor-Fein-Phonostufe samt Michaelson & Austin TVA1 getauscht hatte, mit der grobschrittigen Pegelregelung des Fein nicht zurechtkam, mir aber auch keine Vorstufe leisten konnte, beschaffte mir Herr Winters einen der zu recht hoch angesehenen Burmester-Widerstandsschalter – zum Studentenpreis. Kein Wunder, dass es da mit kritischer Distanz bald vorbei war. Alfred Rudolph propagierte Sandwich-Gehäuse: Der Autor besorgte Holz und Sand und machte so aus seinem ATR Monitor beinahe eine Immobilie, die er – am Rande bemerkt – später zum Einstands- plus Materialpreis wieder veräußerte. Im Audio Forum waren Kabel mit einem Querschnitt von mindestens 10 Quadratmillimetern angesagt: Der Autor ließ sich von einem Freund eine Rolle mit 25 Quadrat besorgen und verdrillte bald darauf mit tatkräftiger Hilfe der glücklicherweise verständnisvollen Freundin und einer geregelten Bohrmaschine die beiden Leiter. Und wenn im studentischen Etat mal 35 Mark übrig waren, wurden die in der Koloniestraße 203 umgehend für eine der so begehrten Three-Blind-Mice-LPs umgesetzt, die dort damals importiert wurden.

Alfred Rudolph verwendet für seine Aufnahmen eine M15 mit deutscher Schichtlage

In meinem Falle kann ich eine beginnende Audio-Forum-Abhängigkeit also nur schwer leugnen. Aber selbst als ehemaligem Beinahe-Abhängigen sei mir diese Einschätzung zugestanden: Als Kunde kann einem wohl nichts besseres passieren als das Audio-Forum-Konzept. Man hat ein klangliches Ziel vor Ohren, kann sich ihm schrittweise und ohne unnötige finanzielle Verluste nähern und wird dabei kompetent begleitet. Ein solches Modell erscheint mir gerade heute in Zeiten von Orientierungslosigkeit aufgrund eines Überangebotes, Beratungsdiebstahl und unsäglicher Geiz-Ist-Geil-Mentalität enorm wichtig. Erfreulicherweise wird es von Hermann Winters und Alfred Rudolph noch immer gelebt: Hier bekommt der Kunde auch heute noch musikalischen Lösungen und nicht einfach nur Geräte.

Zum Laudatio-System gehören der Plattenspieler und die massive Unterkonstruktion, die auch Platz für die Phonostufen von Tessendorf und Blue Amp liefert. Der leichte Teller wird über drei Schwungmassen á elf Kilogramm angetrieben

Selbstverständlich gibt es inzwischen eine ganze Reihe von neuen Entwicklungen: Niemand würde heute etwa Kupferschläuche dieses Durchmessers verwenden – Acapella bietet schon seit einiger Zeit deutlich dünnere Kupfer- und Silberkabel an. Und auch die Klassiker im Lautsprecherangebot wie etwa die Violon konnten sich einer regelmäßigen Modellpflege erfreuen – aktuell ist die MK-VI-Version. Doch dem Grundgedanken, dass nur eine sorgfältig abgestimmte Kette den gewünschten Klang liefern kann, sind Alfred Rudolph und Hermann Winters treu geblieben. Trotz beträchtlichen internationalen Erfolgs vor allem mit ihren Lautsprecher-Kreationen sucht Alfred Rudolph weiterhin nach noch so kleinen Verbesserungsmöglichkeiten. Sein besonderes Augenmerk richtet er dabei auf die Verminderung klangverfälschender Resonanzen. Ende des letzten Jahrtausends erreichten dann die Acapella Audio Arts Basis, der Speed und der Big Block Marktreife. Seit einem Test im Jahre 1999 komme ich zumindest unter meinem Plattenspieler nicht mehr ohne eine Acapella-Basis aus. Auch der Wechsel vom Finite-Elemente- zum Artesania-Audio-Rack hat daran nichts geändert. Obwohl letzteres bei allen übrigen Komponenten klangliche Vorteile brachte, konnte dessen spezielle Phono-Plattform nicht überzeugen. Erst als ich eine Acapella-Basis auf die vier Kunststoff-Füße einer der üblichen Geräte-Ebenen legte, klang das darauf stehende LaGrange-Laufwerk wieder so, wie ich es gewohnt war – oder ein wenig besser.

Am langen Tonarm gibt es nichts, das resoniert oder klingelt. Ein komplett justierter Arm inklusive montiertem Tonabnehmer lässt sich leicht gegen ein anderes Exemplar austauschen

Momentan erhalten Körper aus Okume-Schichtholz und anderen Hölzern mit und ohne Ebenholz-Einsätze zur Schwingungsableitung den letzten Schliff – unter ihnen auch ein gleichschenkeliges Dreieck, das den Namen „Dreiklang“ erhalten soll. Bei einem Besuch demonstrierte Alfred Rudolph die Wirksamkeit seiner Tuning-Körper in der Anlage in unserem Wohnzimmer, wo meine Gattin und ich schon seit einiger Zeit die Vorzüge einer Violon MK VI genießen dürfen. Immer wieder erstaunlich, welch relativ großen Effekt kleine Veränderungen in einer sehr hochauflösenden Kette haben können: Bei kritischen Aufnahmen beispielsweise entscheiden die intelligent konstruierten und mit Erfahrung platzierten Resonanzminderer darüber, ob diese noch genießbar sind oder so nervig, dass man lieber darauf verzichtet.

Auch beim kleinen Laufwerk ist Holz das Material der Wahl

Ist der Tonträger eine Schallplatte, hat Alfred Rudolph noch ein weiteres Rezept, diese offener, freier, geschmeidiger – oder im schlimmsten Fall – einfach nur erträglich klingen zu lassen: Er befeuchte die Samtoberfläche einer Plattenreinigungs„bürste“ mit ein wenig Squalan-Öl und bringt dieses damit auf die Platte auf. Beim Abspielvorgang verteilt der Diamant das Öl in der Rille. Auch wenn der Klang schon nach einer Anwendung angenehmer, fließender und weniger „technisch“ ist, nimmt der positive Effekt bei den nächsten drei Abspielvorgängen noch zu: Der Diamant verteilt das Öl noch feiner und „poliert“ die Rille, wie Alfred Rudolph es ausdrückt. Ich habe vor Jahren mal von einem Tonabnehmerhersteller eine Demonstration des überaus wirksamen flüssigen Klangverbesserers bekommen. Allerdings wurde hier nach dem Grundsatz „viel hilft viel“ verfahren und die behandelte Platte hinterließ Spuren auf Plattenteller und in der Innenhülle, weshalb ich bisher die Finger vom Squalan-Öl gelassen habe. Wenn man es aber so sparsam und effektiv wie von Alfred Rudolph empfohlen aufträgt, überwiegen die klanglichen Vorteile die kleinen Mühen bei der Anwendung bei weitem. Aber es sollte hier ja eigentlich nicht um Tipps zur besseren Schallplattenwiedergabe gehen.

Der LaMusika-Vollverstärker ist ein Wolf im Schafspelz: Er glänzt nicht nur mit einer Bauteiletoleranz von ein Promille, sonders ist auch in der Lage, bis zu zwei Kilowatt Impulsleistung bereitzustellen

Es ist nicht so, dass ich in den inzwischen 22 Jahren, die ich in Bayern lebe, nicht mehr im Audio Forum gewesen wäre. Auch auf Messen traf ich die Herren Rudolph und Winters regelmäßig und musste mich hin wieder dabei ertappen, dass ich meine goldene Regel, auf Messen nie zu hören, vor einer Acapella-Kette missachtete. Aber hier ging es ja auch nicht um die unmögliche Aufgabe, in unbekannter Umgebung die ein oder andere einzelne Komponente zu beurteilen. Hermann Winters und Alfred Rudolph sorgen – ob im Messe-Vorführraum oder daheim beim Kunden – immer dafür, dass ein stimmiges Ganzes entsteht. Und deswegen fand ich mich schon auf der ein oder anderen hifideluxe entspannt im Acapella-Raum Musik genießend wieder, statt den dichten Terminen hinterher zu hecheln.

Der große Bruder des Vollverstärkers: Die Endstufe wird mit Drehstrom gespeist, bezieht ihre Energie aus neun Transformatoren und leistet zweimal vier Kilowatt

Ganz ohne Zeitdruck verlief dann ein ausführlicher Besuch im Audio Forum während eines Ruhrgebiets-Aufenthaltes. Auf den Weg von Dortmund nach Duisburg hatte ich noch kurz einen Schlenker zum Düsseldorfer Flughafen gemacht, um Helmut Baumgartner abzuholen. Denn die glänzenden Hörner der Acapella-Lautsprecher adäquat ins Bild zu setzen, traue ich mir nun wirklich nicht zu, dazu braucht es schon einen Profi. Der kennt natürlich die im Internet zu sehende Darstellung des imposanten Showrooms und will fast nicht glauben, dass sich dieser hinter dem eher unscheinbaren Ladenlokal verbirgt, das man in der Koloniestraße 203 entdeckt. Aber bei Acapella ging es noch nie um die Fassade. Von dem, was wir dann in Gesprächen mit Hermann Winters und Alfred Rudolph erfuhren, kann ich Ihnen übrigens nur einen, wenn auch den größeren Teil berichten. Nein, hier wurden keine vertraulichen Firmengeheimnisse besprochen – wenn es diese denn überhaupt gibt. Vielmehr erkannten die beiden nach einigem Geplauder in größerer Runde schnell, dass sich Helmut Baumgartner mit Hifi und High End mindestens ebenso gut auskennt wie mit Fotografie, und so kam es dann, dass ich eine Weile mit Alfred Rudolph im Eingangsbereich ins Gespräch vertieft war, wären sich der fotografierende Kollege intensiv mit Hermann Winters austauschte, ich dann nach dem Abbau der Lampen im großen Studio abwechselnd mit Hermann Winters sprach oder seinen von The Beast gestreamten Lieblingsscheiben lauschte, während Helmut Baumgartner nebenan mit Alfred Rudolph fachsimpelte.

Die Endstufe von hinten: Unten links der Drehstromanschluss

Doch der Reihe nach: Gleich nach der Begrüßung präsentierte uns Alfred Rudolph einige seiner vor kurzem gemachten Aufnahmen der Talking Horns. Das multiinstrumentale Quartett spielt Alt-, Sopran-, Tenor- und Baritonsaxophon, Bassklarinette, Altflöte, Posaune, Bassposaune, Tenorhorn, Tuba und Flügelhorn und das auch gerne in Kirchenräumen mit ihren beeindruckenden Nachhallzeiten. Für die Aufnahme wurden zwei auf eine Holzkugel ausgerichtete Neumann-Kleinmembranmikrofone verwendet, deren verstärkte Signale mit einer Telefunken M15 aufgezeichnet wurden. Ebendiese Bandmaschine stand nun Audio Forum. Da der Konzertmitschnitt später auf Platte erscheinen soll und damit unnötiges Abspielen tabu war, haben wir das Band gehört, das während der Proben lief, aber durch die Diskussionen der Musiker zwischen den Stücken oder Lied-Fragmenten umso authentischer rüber kam. Bei der Wiedergabe über die Poseydon – eine etwa 600 Kilogramm schwere Konstruktion mit zwölf Zehn-Zoll-Basstreibern, hypersphärischem Horn und Ionen-Hochtöner mit einem Wirkungsgrad von etwa 99 Dezibel zum Paarpreis von über 200.000 Euro – fühlte man sich wirklich wie in eine Kirche versetzt. Die Instrumente erklangen in Originallautstärke und -größe ohne die geringste Dynamikbeschränkung, und man konnte die Akustik des Aufnahmeraumes förmlich greifen.

Im Rack zwischen den beiden Harlekin MK II finden sich neben der LaMusika-Elektronik auch Komponenten von Symphonic Line

Das war nicht die mit sehr guten Ketten zu erzielenden „Hifi-Räumlichkeit“, eine bis tief hinter die Lautsprecherebene reichende Illusion eines Raumes. Die Acapella-Kette schien den Hörer in einen Raum mit den Musikern zu holen. Und wenn diese im großen Showroom in realistischer Größe und Entfernung vor einem zu stehen scheinen, wäre jede Projektion des Quartetts in die virtuelle Tiefe hinter den Boxen lediglich eine Hifi-Spielerei. Alfred Rudolphs Aufnahme ist bei der Wiedergabe über seine Lautsprecher näher an der Wirklichkeit als alles, was ich zuvor gehört habe. Ob das auch für einen Rim-shot auf der Snare gilt – einen der gemeinsten Impulse, der die dynamischen Fähigkeiten üblicher, auch sehr hochwertiger Anlagen für gewöhnlich überfordert –, habe ich dann nicht mehr überprüft. Aber ein Lautsprechersystem, das nicht die geringsten Probleme damit hat, vier teils entfesselt aufspielende Bläser inklusive Tubisten realitätsnah zu reproduzieren, dürfte auch bei Schlagzeugen keine Schwächen zeigen. Wer auch nur entfernt die räumlichen und pekuniären Vorraussetzungen für eine Poseydon sein eigen nennen kann, sollte sie im Audio Forum unbedingt einmal erleben – an größere Modelle will ich lieber gar nicht erst denken.

Rack und Harlekin umrahmen zwei Poseydon, denen es spielend gelingt, ein Bläserensemble in Lautstärke und Größe lebensecht in den Showroom zu stellen

Einen großen Anteil an dieser gelungenen Präsentation hat natürlich die unübertreffliche Quelle, das Master-Band. Aber das ist es nicht allein: Alfred Rudolph hat sowohl die Aufnahme- als auch die Wiedergabe-Kette feingetunt und zwar unter anderem auch mit einer Art hölzernen Wippe in der Nähe des Kopfträgers der M15. Da ein Teil der Probeaufnahmen mit, der andere ohne gemacht wurde, ist der Effekt zumindest über die extrem hoch auflösende Kette im Audio Forum gut nachzuvollziehen. Eigene Aufnahmen von Orchestern oder Jazz-Combos sind übrigens ein weiteres Thema, das die beiden Inhaber von Acapella verbindet. Neben den audiophilen Wiederveröffentlichungen von Esther, Cantate Domino, Jazz At The Pawnshop, Antiphone Blues und Sweet Lucy hat Hermann Winters auch immer wieder eigene Aufnahmen gemacht – erst analog, dann aus logistischen Gründen aber auch zunehmend digital. Wichtig war ihm dabei immer die Beschränkung auf möglichst wenige, am besten nur zwei Mikrofone, um Phasenprobleme auszuschließen. Überraschenderweise hält er ein Masterband dennoch nicht per se für das bestklingende Medium: „Eine Schallplatte kann schöner klingen.“ Auch auf den Einwand, die Schallplattenwiedergabe würde doch von mechanischen Artefakten begleitet, hat er eine Entgegnung parat: „Wenn man mechanische Artefakte hört, hat Alfred den Plattenspieler nicht optimiert. Ein Plattenspieler kann auch ein Instrument sein.“

Einstein-Komponenten werden hier von Fidelio II MK III, High Cecilia und Campanile MK IV flankiert (von innen nach außen)

Inzwischen ist Alfred Rudolph in puncto eigene Aufnahmen der aktivere und scheut, wie erwähnt, auch nicht vor dem Transport einer Telefunken-Maschine zurück. Hermann Winters momentanes Hobby ist die enorm zeitaufwendige Restaurierung eines Ibach-Welte-Flügels. Von diesen Instrumenten, die in der Lage sind, die von führenden Pianisten ihrer Zeit eingespielten Musikstücke dank Notenrollen auch in puncto Anschlagsdynamik originalgetreu zu reproduzieren, sollen nur 1090 Flügel, davon 55 Ibach gebaut worden sein. Insgesamt wurden inklusive Klavieren und Vorsetzern circa 4500 Exemplare gefertigt. Zu Hermann Winters schönsten Erinnerungen gehört es, unter dem heimischen Flügel liegend dem Instrument gelauscht und es eingestellt zu haben. Ob hier schon die Wurzeln für die lebenslange Beschäftigung mit der Reproduktion von Musik gelegt wurden? „Nein“, wendet Hermann Winters ein, „die reichen sehr viel weiter zurück.“ Ursprung waren seines Vaters Plattenspieler, Radio und Tonbandgerät, die er ab dem zarten Alter von etwa drei Jahren bedienen durfte, und die „Superanlage“ seines Freundes, Anfang der Sechziger.

Hermann Winters' Ibach-Welte-Rot-Flügel: Die Notenwerte und die Anschlagsintensität sind auf der roten Papierrolle gespeichert

Hermann Winters ist übrigens auch für die Produktion der Ionenhochtöner verantwortlich. In der Werkstatt in der Koloniestraße findet man immer eine ganze Reihe dieser vorzüglichen Hochtöner – meiner Erfahrung nach schafft es keine Diamant-Invers-Kalotte, an die Farbigkeit eines TW1S auch nur entfernt heranzukommen –, die vor ihrem Einsatz einen tagelangen Dauertest absolvieren. Die Hochtöner werden allein für den Eigenbedarf produziert, auch wenn ihre Auflistung auf der Website die Vermutung nahelegen könnte, sie seinen auch einzeln zu beziehen. Die Herstellung der TW1S sei viel zu aufwendig, um sie auch anderen Herstellern zur Verfügung zu stellen, merkt Hermann Winters dazu an, nicht ohne kategorisch klarzustellen: „Wir machen keinen Ergänzungschassis für Fremdkonstruktionen.“

Hermann Winters an seinem opulent ausgestatteten Messplatz beim Röhren testen

In der nächsten halben Stunde hat mich Hermann Winters dann davon zu überzeugen versucht, dass es gar keinen übertriebenen Aufwandes, ja nicht einmal des kleinsten Acapella-Lautsprechers mit Ionenhochtöner bedarf, um richtig genussvoll Musik zu hören. Vielleicht wollte er mich nach meiner Begeisterung für die unerreichbare Poseydon wieder auf den Teppich holen. So hörten wir dann eine Kette mit den Basso Nobile, Zweiwege-Konstruktionen mit hypersphärischem Horn, die gerade einmal etwas mehr als ein Zehntel der Poseydon kosten. Und wirklich, fast alle Stücke, die er per iPad vom Musik-Server abrief, besaßen das gewisse Etwas. Zur Zeit, als ich regelmäßig im Audio Forum Kunde war, hätte ich es wohl so formuliert: Die bunte Mischung aus verschiedenen Genres klang so, als wären es allesamt Direktschnitte. Denen sagte man in den 80-ern ja nach, sie klängen besonders dynamisch, offen und lebendig. Das tat die Anlage, die momentan spielte, auch. Bei genauerem Hinsehen fiel allerdings auf, dass die einzigen – im Vergleich zum bisher gehörten – preislich moderaten Komponenten die Basso Nobile waren. Denn die Verstärkung übernahm der LaMusika-Vollverstärker, bei dem die Bauteiletoleranzen durchgängig im Promillebereich liegen. Da wundert der Grundpreis, der sich mit ein paar Extras leicht in die Höhe treiben lässt, von 80.000 Euro dann nicht wirklich. Als Quelle diente The Beast von ReQuest Audio, das es Hermann Winters wegen des Klanges und des Bedienungskomforts momentan ziemlich angetan hat. Die beeindruckendste Erfahrung war schließlich für mich, wie deutlich die Basso Nobile die Qualitäten der vorgeschalteten Weltklasse-Elektronik zur Geltung brachte.

Ein Ionenhochtöner im Testbetrieb

Als dann Alfred Rudolph im Showroom wieder übernahm, demonstrierte er den Einfluss seiner hölzernen Wippe in der Nähe der Tonköpfe der M15 auch noch einmal bei der Wiedergabe: Dank ihrer war der musikalische Fluss intensiver, die Wiedergabe geriet einen Hauch weniger „technisch“. Besonders interessant für mich, der ich beispielsweise bei Vergleich von Digitalkomponenten immer diejenige mehr schätzte, die einen größeren Raum suggeriert, war Alfred Rudophs Kabelvergleich: Obwohl das zweite Kabel, wie man sofort hörte, scheinbar weniger Energie transportierte – und ich es deshalb nach ein paar Sekunden für das schlechtere hielt –, erwies sich nach ein paar Minuten als das harmonischere, die Wiedergabe wirkte erdiger, weniger nervös. Der Entwickler formulierte das so: „Nun stimmt der Energiefluss.“ Weniger kann letztlich auch mehr sein.

Das Messinghorn eines Ionenhochtöners

Anschließend hat Alfred Rudolph noch ein wenig über die Frühzeit seiner Lautsprecherentwicklung erzählt: Anfangen habe er – wie so viele – mit den Lautsprecher-Büchern von Klinger, dann aber schon bald die darin enthaltenen Begrenzungen erkannt. Zu seinen frühen Entwicklungen hätte so unterschiedliche Konzepte wie ein Vier-Wege-Lautsprecher, eine Kombination aus einem weich aufgehängten Isophon-Tiefmitteltöner mit einer Kalotte sowie eine Transmissionline mit dem Isophon-Orchester-Koax-Chassis gezählt. Heute entwickle er zuerst die „Silver Edition“ eines Modells, die mit ihren Silberkabeln die maximal mögliche Auflösung biete. Daraus leite er dann eine „freundlicher“ abgestimmte Version ab, da die „Silver Edition“ nur in perfekt abgestimmten Ketten funktioniere.

Die wohl besten Hochtöner überhaupt warten auf ihren Einsatz

Dann blieb gerade noch Zeit für eine Fahrt zur nahegelegenen Fertigungsstätte, bevor ich Helmut Baumgartner wieder zurück nach Düsseldorf bringen musste. In die heiligen Hallen Alfred Rudolphs sind wir diesmal nicht vorgedrungen. Gerüchteweise war zu vernehmen, dass es dort neben aktuellen Neuentwicklung wie weiteren Varianten der hölzernen Resonanzminderer auch solche Kuriositäten wie bei Ebay erstandene, rundum modifizierte Dual-Plattenspieler geben soll. Aber wie sollte ein Tag auch reichen, um die Geschichten, Entwicklungen und Anekdoten aus 40 Jahren auch nur ansatzweise zu erfassen? Da scheint es geradezu unvermeidlich, für die nicht allzu ferne Zukunft einen weiteren Besuch zu planen. Denn Alfred Rudolph und Hermann Winters haben offensichtlich auch nach 40 Jahren noch jede Menge Spaß an guter Musik und ihrer angemessenen Reproduktion.

An Acapellas Fertigungsstätte werden die Platinen für den Ionenhochtöner bestückt

Nach der Montage werden die fertigen Lautsprecher vor der Endkontrolle eingespielt

Aber auch schon vor dem Einbau ins Gehäuse sammeln die Tieftöner jede Menge Betriebsstunden

Eine opulente Lagerhaltung? Der erste Eindruck relativiert sich ein wenig, wenn man bedenkt, dass beispielsweise in einer Poseydon zwölf Tieftöner verbaut werden

Die Treiber für die Mitteltonhörner

Sphärische und hypersphärische Hörner

Diese Schienen verbinden die Hornaufsätze zum Beispiel bei der Violon mit dem übrigen Gehäuse

Wem es bis jetzt nicht klar war, der erkennt spätestens an der Vielzahl verschiedener Dämmmaterialien, dass bei Acapella-Schallwandlern auch das kleinste Detail bedacht wurde

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